Works in Progress

Häkeln, insbesondere das Erschaffen von Amigurumi, ist aus meiner Erfahrung weit mehr als das bloße Aneinanderreihen von Maschen. Oft startet es mit der Idee eines Charakters: Wie kann man ihn darstellen? Welche Farben, welche Formen, welche Details braucht es – und wie stehen sie zueinander?
Um das an einem einfachen Beispiel zu zeigen: Ein einfaches Amigurumi hat meist eine stark vereinfachte Form – Kopf, Körper, Hände, vielleicht Füße.
Betrachtet man nur den Kopf, reichen bereits wenige Merkmale, um aus einer ähnlichen Grundform ganz unterschiedliche Charaktere entstehen zu lassen: Zwei Kugeln oben am Kopf und ein hoch angesetzter Mund – schon erinnert die Form an einen Frosch. Zwei dreieckige Ohren weiter unten, Augen eher unterhalb der Mitte und Nase und Mund darunter – daraus wird eine Katze. Kleinere Ohren, Augen etwas weiter oben und ein bartartiges Detail mit den charakteristischen Zähnen darunter – und wir erkennen einen Biber.
Amigurumi arbeiten damit letztlich auch mit einer Symbolsprache. Einzelne Formen, ihre Größe, Position und Kombination stehen stellvertretend für Eigenschaften, Arten und Charaktere. Aus der realistischen Darstellung wird so ein bewusst reduziertes Design, das es uns ermöglicht, einen Charakter mit bestimmten Eigenschaften, Stimmungen und Emotionen aufzubauen.

Wir müssen also gar nicht alles darstellen. Wir müssen nur die richtigen Dinge darstellen.

  1. Farbe und Garn.
    Die Grundlage ist das Material, das ich verwende. Will ich einen festen Körper aufbauen, dann werde ich Baumwolle nehmen, soll es ein fellartiges Tierchen werden, ist ein besonderer „Fuzzy-Garn“ mit hohem Flaumfaktor eine gute Wahl, oder vielleicht Polyacryl, das man besonders gut ausfrisieren kann. Vielleicht soll es etwas flauschiges, weiches werden? Hier ist Chenillegarn perfekt. Auf der anderen Seite ist die Definition eines bestimmten Charakters, der die Kombination aus definierten Farben verlangt. Die Biene Maja ist nun mal gelb/schwarz, aber welches gelb, welches schwarz möchte ich nehmen? Soll es ein niedliches pastellgelb oder leuchtendes Neon werden? Soll es „süß“ oder „realistisch“ werden oder einen Halloweenvibe bekommen? Das Material ergibt die Form, die Farbe beschreibt Atmosphäre und Stimmung, gemeinsam ist es die Basis des Charakters.
  2. Materie werden lassen – Die einzige Magie, die es wirklich gibt, beginnt mit der Umsetzung der Ideen in die ersten Maschen. Damit werden aus dem zweidimensionalen Garn 3D Objekte. Häkeln ist die Übersetzung von Mathematik in Form. Dabei ist das Aneinandersetzen der Maschen ein Handwerk, das auf Erfahrungswissen beruht, über Generationen hinweg bewahrt und früher in Familien weitergegeben wurde, das aber auch mit neuen Techniken und Designs erweitert wurde und daher nicht für Stillstand, sondern für Kunst als Mittel der Darstellung steht.
  3. Identität durch Details
    Eine Katze ist eine Katze. Aber welche Katze ist sie? Mir kommt vor, wenn wir nach Schönheit streben, übersehen wir manchmal, dass diese angestrebte Perfektion (inklusive des Geschmacks der jeweiligen Zeit) der Widerpart der Individualität ist. Die stellt aber einen anderen umkämpften Wert unserer Gesellschaft dar. Wir und alles um uns sind viele, alle sind wir etwas, aber ein jede/r ist ein Wer. Ich entscheide mich also entweder „perfekte Proportionen“ zu häkeln, scheitere dann aber an der Darstellung des Individuums, oder lassen die Abweichung zu. Plakativ formulier: wenn es „das schönste Einhorn“ werden soll, wird es immer wieder das eine sein, wenn es aber ein „persönliches, trauriges, lustiges, dämlich guckendes“ Einhorn werden soll, muss ich die Perfektion zurücklassen. Denn Abweichung von Perfekt ist die Person.
    Die Geschichte, die mit der Farbwahl gestartet hat, mit der Positionierung der Details zueinander, mit ihrer Haltung, ihrer Mimik weitererzählt wurde, wird nun durch die Kleidung ergänzt. Denn Kleider machen Leute und Leute stehen für ihre Geschichte.
  4. Die Geburt des Charakters
    Wenn alles bis jetzt der Rahmen war, ist das Auge das „Tor zur Seele“, der Schlüssel, der dem Wesen erlaubt, uns anzusprechen. Dazu gibt es eine Vielzahl an Techniken, die das bereits Erreichte unterstreichen können. Seien es Sicherheitsaugen, oder seien es gestickte, gefilzte oder gehäkelte Augen, alle ermöglichen zusätzlich noch das gewisse „Add on“, das das Auge blinzeln läßt. Das können Wimpern sein, oder ein Lichtfleck am Knopfauge. Die Figur beginnt mich „anzusehen“ (und ich hoffe, dass sie mit ihrer Repräsentanz zufrieden ist…)
  5. Das große Finale
    Die Basis ist da, die Kleidung zeigt den Status – das Gesicht, der Blick, die Haltung. Jetzt kommt das letzte „Touch up“. Die Haare werden zur Frisur, die Augen bekommen Wimpern, die Wangen ein Rouge. Die Hände sollen ein Smartphone halten, auf den Rücken werden die Waffen montiert, die Puppe wird auf das Podest gestellt, den sie schließlich verdient. Jetzt haben sich alle Hindernisse, das Nachdenken und das Auftrennen ausgezahlt. Es ist dieser Gestaltungsprozess, der nicht immer reibungslos ist, aber für mich genau die Freude des Kreierens ausmacht.
    Ein kleiner Hinweis aus der Praxis: Auch wenn dieser Ablauf einer inneren Logik folgt, ist er nicht in Stein gemeißelt. Je nach Projekt und Charakter verschiebt sich die Reihenfolge – manchmal braucht ein Wesen erst sein Gesicht, bevor es eingekleidet werden möchte, oder die Technik erfordert, dass Haare schon eingeknotet werden, wenn der Kopf nicht fertig ist. Im Wesentlichen geht es aber um verschiedene Techniken und Mittel, um aus reinem Handwerk ein darstellendes, also Kunsthandwerk zu machen.